von couch zu couch

Einmal durch Israel und das Westjordanland. Ohne festen Plan. Ohne Hotels. Aber mit Laptop und Smartphone. Denn damit finde ich meine Gastgeber. Unter www.couchsurfing.org. Hier könnt Ihr meiner Reise folgen. Oder Ihr kauft das Buch, das möglichst bald erscheinen soll.

Die heilige Stadt

Jerusalem, Damaskustor. ich sitze auf den Treppenstufen im Schatten, es stinkt nach Urin. Aus meinem Rucksack krame ich die inzwischen völlig verknitterte Schachtel Zigaretten, die ich seit dem Abend mit den Obdachlosen in Tel Aviv mit mir herumtrage. Ich fummle die letzte, krumme Zigarette hervor in zünde sie an. Ich bin angekommen. Wochenlang war diese Stadt mein Ziel. Nun bin ich hier und fühle mich leer und unendlich müde.
Ein Betrunkener in verdreckten Kleidern schlurft die Stufen hinab, gleitet aus und fällt wie in Zeitlupe. Ebenso langsam steht er wieder auf. Vor dem Tor spricht er einen Priester an. Unwillig kramt dieser ein paar Schekel aus der Tasche seines schwarzen Jackets und drückt sie dem Mann in die Hand. Ich schultere meinen Rucksack und mache mich auf den Weg zu meinen letzten Gastgebern.
Ein paar Stunden später beginnt der Sabbat, Sirenen kündigen seinen Beginn an. Die Juden feiern das an der Klagemauer und mir wurde erzählt, dass dort eine ganz besondere, heilige Stimmung herrsche. Als ich den Platz betrete, dämmert es. Gemeinsam mit mir strömen hunderte frisch gewaschener und herausgeputzter Menschen durch den Eingang. Die Mauer ist von gelben Strahlern erleuchtet, eine Israelflagge flattert im Abendwind. Darüber trohnt golden der Felsendom.
Vorne an den Steinen stehen die schwarz gekleideten Orthodoxen, wippen versunken in ihre Gebete vor und zurück. Dahinter tanzen, singen und brüllen andere Gläubige, die Gesichter verzerrt vor Ekstase und in dem Glauben, ihrem Gott hier und jetzt besonders nahe zu sein. Ich frage mich, ob dieser Gott das genauso sieht. Mir geht die Stelle im Alten Testament durch den Kopf, an der die die Israeliten um ein goldenes Kalb tanzen, während Moses auf dem Berg Sinai die zehn Gebote erhält.
Obwohl ich mich unter freiem Himmel befinde, habe ich das Gefühl, frische Luft zu brauchen. Ich dränge mich gegen den Strom der Gläubigen hinaus in die Gassen der Altstadt, die verlassen in der Dunkelheit liegen und lehne meinen Kopf gegen die von der Hitze des Tages noch warmen Steine.

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Youssef. Beruf: Lehrer und Taxifahrer

Zwei Nächte verbringe ich in Hebron bei Familie Saber. Sie wohnt in der Altstadt direkt neben jüdischen Siedlern. An dem Morgen, an dem ich nach Bethlehem fahren will,  wecken mich Steine, die gegen die Eisenplatten vor meinem Fenster krachen. Laila Saber zuckt mit den Schultern. “Das ist normal”, sagt sie und lacht. Ihr Mann Abed kündigt an, dass wir in einer Stunde nach Bethlehem aufbrechen. Der Vater seiner Frau wohne dort.
Aber wir sitzen erstmal vor seinem Laden. Es kommt eine Touristengruppe. Und noch eine. Aber verkauft blitzschnell ein paar Sachen, klopft sich zufrieden grinsend auf den dicken Bauch. Dann sitzen wir wieder. Ich sage, erinnere ihn daran, dass die Stunde schon längst um ist. Abed verspricht mir eine tolle Führung durch die Stadt. Mein Einwand, dass ich bereits mit einem Mann aus Bethlehem von Couchsurfing verabredet bin, lässt er nicht gelten. “Der wird dir viel Geld für eine Führung abnehmen. Du rufst ihn einfach nach meiner Führung an und dann ist die Sache erledigt”, sagt er und lacht hoch wie in Kind. Ich argumentiere, rede, aber gegen Abed ist nicht anzukommen und ich füge mich in mein Schicksal.
Dann kommen drei junge Männer aus Dänemark, Abed lädt sie zum Tee ein und überzeugt sie, mit ihm eine Führung durch die Siedlung zu machen. “Eine halbe Stunde, dann bin ich wieder da und wir fahren”, verspricht er mir. Ich warte. Schaue dem Uhrzeiger beim Wandern zu. Nach eineinhalb Stunden kommt Abed zurück und wir brechen endlich auf, inzwischen ist es nach zwei Uhr. Seine alte Tante kommt mit und wir schieben uns in entschlossenem Schneckentempo den Bussen entgegen. Nach zweihundert Metern fällt Abed ein, dass er seinen Ausweis zuhause vergessen hat und dreht um. Ich solle mit Frau, Kind und Tante schon mal vor gehen. Der Bus ist, eng, dreckig und ohne Klimaanlage – aber er hat einen Fernseher, auf dem ohrenbetäubend ein Film läuft. Der ganze Bus wartet auf Abed. Nach einer Viertelstunde lädt Laila den Kinderwagen wieder aus und nach einer weiteren Viertelstunde fährt der Bus los, mit mir die alte Tante.
Jetzt freue ich mich auf Bethlehem. Darauf, mich einfach durch die Stadt treiben zu lassen – und später vielleicht den anderen Couchsurfer anzurufen. Vielleicht aber auch nicht. Nach einer Stunde erreichen wir Bethlehem, die alte Tante und ich verlassen den Bus.
Ich schultere gerade meinen staubbedeckten Rucksack, da höre ich “Hallo mein Freund!”, drehe mich um und blicke in Abeds grinsendes Gesicht. “Ich bin schon seit zehn Minuten da, wir haben extra ein Taxi genommen”, sagt er freudestrahlend. Dann ruft er über die Straße einem Freund zu, der Taxifahrer ist und der wird die Rettung meines Tages.
Sofort geht es durch die Stadt, im Eiltempo von Kirche zu Kirche. Abed verkündet gerne vollmundig, dass er Touristenführer sei für Hebron, Bethlehem, Syrien und Jordanien. Aber es ist Youssef der Taxifahrer, der sich hier auskennt. Er fährt mich zu den berühmten Banksybildern, zu Orten, an denen ich einen guten Blick auf die größte Siedlung bei Bethlehem habe und zu der Kirche, an denen der Engel herabkam. Schweißbedeckt und stöhnend walzt Abed neben mir durch die Hitze. “Ich bin zum ersten Mal hier”, gibt er zu. Dementsprechend wenig hat er zu sagen. Er muss bald weiter nach Nablus, warum auch immer, deshalb steigen wir schnell wieder ins Taxi und fahren durch die engen Gassen der Altstadt zur Milchgrotte. Auch hier hat er nichts zu sagen, deutet nur immer wieder auf Dinge, die seiner Meinung nach fotografierenswert sind.
Nach zehn Minuten sind wir wieder draußen und fahren zur Geburtskirche. Vor dem Eingang verabschiedet er sich überschwänglich und walzt von dannen. Ich spare mir diesen Touristenbienenstock und frage stattdessen Youssef, was er mir noch zeigen kann. Er schlägt die Mauer vor und bald stehe ich vor diesem Betonkoloss, der sich mitten durch die Stadt zieht, drohend, hässlich und bunt bemalt, oft mit Hinweisen für Restaurants oder Läden. Wir fahren zu der Stelle, an der der Papst bei seinem Besuch in Bethlehem vor einigen Jahren betete. Halb hinter Schutt und Müll ist immer noch der Schriftzug zu erkennen, den palästinensische Polizisten damals hier hin sprühten: Pope you are welcome in Palestine. Fast rührt mich das zu Tränen. Ich fotografiere alles, nutze die Kamera, um die Monströsität und den Schrecken dieses Betonwalls nicht zu nahe an mich heranzulassen.
Youssef fragt mich, ob ich hungrig sei und wir fahren in das kleine Restaurant seines Cousins. Ich lade ihn zum Essen ein und er erzählt. “Eigentlich bin ich Lehrer. Aber ich verdiene nur 2.600 Schekel (etwas mehr als 500 Euro) im Monat, das reicht nicht, obowhl meine Frau auch arbeitet. Also bin ich vormittags Lehrer und nachmittags fahre ich Taxi. Ich habe sieben Söhne und drei studieren, das geht ganz schön ins Geld”, sagt er.
Als wir uns verabschieden lädt er mich für den folgenden Abend zum Essen ein.
Punkt siebenholt er mich mit seinem Taxi ab und wir fahren durch die Abendsonne in sein Dorf. Solange seine Frau noch mit Kochen beschäftigt ist, steigen wir auf einen Hügel in der Nähe, auf dem eine alte römische Festung steht. Die Luft ist klar und der Blick atemberaubend. In rund 40 Kilometern Entfernung sehen wir das Tote Meer, am anderen Ufer liegt Jordanien. Drei israelische Siedlungen und ein Kibbuz sind von hier zu sehen. “In dem dort unten lebt Liebermann, der israelische Außenminister”, sagt Youssef mit kühler Stimme. Auch hier auf dem Berg knattert eine israelische Flagge im Wind.
In Youssefs Wohnzimmer vertilgen wir zu zweit einen großen Berg Maklube, safrangelber Reis mit Hühnchen und Blumenkohl. Seine Frau bekomme ich nicht zu sehen, nur die Söhne schauen ab und an ins Wohnzimmer. Youssef achtet genau darauf, dass die Tür zum Flur immer geschlossen ist. Nach dem Essen steigen wir durch den unausgebauten ersten und zweiten Stock zur Dachterrasse empor. “Ich würde das ja gerne machen lassen, aber es ist zu teuer”, sagt er. Wenn die Söhne heiraten, sollen sie hier mal mit ihren Familien wohnen, auf dem Grundstück ist auch noch genug Platz für ein zweites Haus.

Wir sitzen in der lauen Abendluft und teilen uns eine Wasserpfeife. Auf den Straßen des Dorfes sind keine Frauen mehr zu sehen.
Ich frage Yousseef, wie man seiner Meinung nach den Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern lösen könnte. “Meiner Meinung nach gibt es nur eine einzige Lösung: Ein Staat. ein Staat für Muslime, Juden und Christen. Wir sollten ihn dann das Heilige Land nennen, denn es ist allen Religionen heilig. Aber Israel will das nicht. Sie haben das Gefühl, uns rein gar nichts geben zu müssen und das ist das Problem.”

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Im Kopf der Schlange

Ahmad lebt in Nablus. Die Stadt galt während der zweiten Intifada als “Kopf der Schlange”. Da die Gassen der Altstadt zu eng sind für die Fahrzeuge der israelischen Armee, waren die Soldaten gezwungen in den Häuserkampf zu gehen. Scharfschützen besetzten die Minarette, Bulldozer rissen Häuser ein, laut Ahmad auch nachts und wenn die Familien noch drin waren. “Niemals vergeben…niemals vergessen…” steht auf einer Gedenktafel. Ich frage ihn ob es stimmt, was viele Israelis mir erzählt haben, dass palästinensische Eltern ihren Kindern beibringen, Israel zu hassen. “Mein Vater und meine Mutter haben mir das nie gesagt”, antwortet er. “Aber was erwarten die Israelis? Dass wir sie mit Blumen begrüßen? Sie haben ganze Familien getötet. Es gab hier wochenlang totale Ausgangssperren, die Stadt war abgeriegelt, die Menschen konnten nicht mehr zur Arbeit gehen, die Kinder nicht mehr in die Schule. Ich hasse auch nicht die Israelis als Menschen, ich hasse die Armee für das was sie uns angetan haben und noch immer antun.”

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Unter Beschuss

Osnat Levit lebt in Haifa in einem Haus am Berg. Sie erzählt: “Vor einigen Jahren hatten wir gerade diese Wohnung gekauft, als der jüngste Libanonkrieg ausbrach. Mein jüngster Sohn war gerade in der Armee, ich hatte fürchterliche Angst um ihn. An dem Tag, als der Waffenstillstand verkündet wurde, waren mein Mann und ich gerade mit dem Architekten hier, als die Sirenen zu heulen begannen. Wenige Sekunden später schlugen die ersten Raketen in der Stadt ein. Eine traf die Straße neben dem Krankenhaus da unten, eine weiter schlug dort hinten ein, hundert Meter neben unserem Haus. Der Architekt wurde kreidebleich und bekam Panik. In den Hafen liefen gerade die Schiffe ein, die von der Operation zurückkehrten. Eines wurde knapp von einer Rakete verfehlt, das Schiff drehte ab und preschte zurück aufs offene Meer. Auf der Straße brannten Autos, es stank fürchterlich und schwarzer Rauch zog den Berg hinauf durch unser Haus. Obwohl der Beschuss anhielt, rannte der Architekt auf die Straße zu seinem Auto und raste nach Tel Aviv. Von dort rief er mich an um sich zu entschuldigen. Erst dort, außerhalb der Reichweite der Raketen, war es ihm möglich, zur Ruhe zu kommen. Aber wir hatten hier ja nicht nur Raketen. In den Jahren zuvor explodierten in den Bussen immer wieder Bomben, auch Araber kamen dabei ums Leben. Meine Schwester lässt bis heute ihre Kinder nicht Bus fahren. Ich habe eine Verwandte in Amerika, sie lebt in Manhatten. Immer wenn Wahlen sind, ruft sie mich an und sagt mir, wen ich wählen soll. Ist das nicht dreist? Sie wohnt tausende von Kilometern entfernt, in absoluter Sicherheit und sagt mir, was das richtige für Israel ist. Sie hat nie erlebt wie das ist, wenn Bomben und Raketen explodieren und sie nicht weiß, wo ihre Kinder gerade sind.”

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Einsamer Friedenskämpfer

Itar muss nicht arbeiten. Er hat genug Geld, um überall auf der Welt leben zu können, sicher und sorgenfrei. Aber er verlässt Israel nicht, er leidet jeden Tag und bei jeder schlechten Nachricht mit seinem Land und geht daran fast zugrunde.

Seit Jahren unterstützt er Friedensprojekte mit seinem Geld, er gründete eine eigene NGO, die Israelis und Palästinenser zusammenbringt. Und doch muss er Tag für Tag mit ansehen, wie ein Frieden immer unwahrscheinlicher wird. Er hat Freunde verloren, die erschöpft von der Aussichtslosigkeit ihrer Arbeit aufgaben und begannen, radikalere Ansichten zu vertreten. Er misstraut denen, die ihm blieben. “Ich frage mich seit einiger Zeitt, ob sie vielleicht nur freundlich zu mir sind, weil sie mein Geld wollen”, sagt er.

Itar leidet an diesem Konflikt und kann ihn doch nicht ignorieren. In seiner Wohnung stapeln sich Bücher und Filme zu diesem Thema, er schreibt von morgens bis abends Mails an andere Aktivisten. Er telefoniert mit Israelis, denen er im Westjordanland und in Ostjerusalem zeigen möchte, unter welchen Bedingungen die Palästinenser leben, verzweifet mit jeder Absage ein bisschen mehr. Seit ein paar Wochen geht er regelmäßig zu einem Psychologen, schluckt Pillen, ohne die er nicht mehr schlafen kann.

Er möchte seine Landsleute auf den Straßen in Tel Aviv an den Schultern packen und wachrütteln, ihnen sagen, dass Israel zugrunde geht, wenn sie jetzt nichts tun. “Schau dich um. Hier engagiert sich niemand für Frieden. Alle wollen nur im neuesten und coolsten Café sitzen und bloß nicht daran denken, was ein paar Kilometer von hier geschieht”, sagt er.

Vielleicht lässt er sich eines Tages auf einer Demonstration von israelischen Soldaten erschießen.

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Weisheit der Straße

Gegen halb elf verlasse ich die Bar am Strand von Tel Aviv, in der ich den Abend verbracht habe. Da spricht mich an der Promenade Mike an, schon sichtlich betrunken, und fragt nach einer Zigarette. Er sitzt dort zusammen mit Moses, der sich schon kaum mehr aufrecht halten kann, und Bakan, dessen graues Haar im auf die Schultern fällt. Ich verteile Zigaretten unter den Männern und sie giessen mir ein großes Glas Wodka mit Red Bull ein.

Sie lachen, reden und fallen sich ständig gegenseitig ins Wort. Mike ist besessen von Steven Seagal und seinen Kampfkünsten, die er dauernd an mir demonstrieren will. Zwischen unzähligem Händerdrücken und Umarmen erzählt er, dass er aus Holland stammt und sein Vater in Auschwitz ums Leben kam. Dabei lacht er laut und betrunken. Mit einem Mal verzerrt sich sein Gesicht zu einer Grimasse, Tränen schießen ihm in die Augen. “Ich hasse mich für mein Leben, für das, was ich daraus gemacht habe. Ich muss irgendwas ändern.” Bakan fällt ihm wieder ins Wort. “Du hast schon so oft gesagt, dass du dich umbringen willst, aber zu bist zu feige. Ich habe immer meinen Strick dabei, den kannst du haben und die gleich dort drüben an der Strandhütte aufhängen.” Keine Minute später liegen sie sich wieder lachend in den Armen.

Bakan ist besessen vom Hintern von Jennifer Lopez, von dem er in einem fort schwärmt. Er stammt aus Be’er Sheva, wo ich vor einigen Tagen war. Irgendann vertrieben ihn die Menschen von dort, weil sie ihn für verrückt hielten. Seit ein paar Jahren lebt er in Tel Aviv an der Promenade. Auf mich wirkt er kein bisschen verrückt. Seine klaren blauen Augen sind nach ungezählten Bechern Wodka ungetrübt. Ich will von ihm wissen, warum die Menschen in seiner Heimat ihn loshaben wollten. “Niemand hört gerne die Wahrheit”, sagt er. “Glaubst du an Gott?”. “Ich weiß nicht recht. Woher soll ich wissen, ob es ihn gibt?”. Und mit einem Mal bin ich den Tränen nahe, sehe mich in diesem Mann wieder, der fast auf den Tag genau zehn Jahre älter ist als ich und frage mich, wie viel oder wenig es braucht, dass ich so werde wie er. Wie schmal doch manchmal der Grat ist, auf dem wir leben. Mir gehen Dinge aus meinem Leben durch den Kopf, Dinge dich ich getan oder unterlassen hatte, Worte, die ich gesagt habe oder hätte sagen sollen. “Wie kann ich in meinem Leben wissen, was richtig und was falsch ist?”, frage ich ihn. Ohne zu Lächeln sieht er mir in die Augen. “Gott wird zu dir sprechen, früher oder später wird er das tun. Wenn du manchmal andere Menschen verletzt oder sie dich verletzen, dann bedeutet das meist nicht, dass der eine dem anderen weh tun will. Ihr seid dann einfach in einer anderen Zeit. Auf deiner Uhr ist es vielleicht gerade halb eins, aber auf der des anderen vier Uhr. Und dann geschehen solche Dinge. Man tut nichts falsches und fügt anderen doch Schmerzen zu.”

Die nächsten Abende suche ich nach Bakan, möchte ihm weitere Fragen stellen. Aber er ist verschwunden.

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Stadt der Bunker

Was ich hier will, haben mich unterwegs alle gefragt. “Sderot? Da gibt’s doch nichts zu sehen!” Nun bin ich hier und muss dem zustimmen. Ein Einkaufszentrum, zwei passable Cafés zwischen grauen Wohnklötzen. Die Stadt schafft es trotzdem dauernd in die Nachrichten, immer wieder schlagen dort Raketen aus dem Gazastreifen ein. Ich wollte wissen, wie es sich lebt mit dieser ständigen Bedrohung.

Nicht besonders, versichert mir Maya, meine erste Gastgeberin. Sie begrüßt mich in einem T-Shirt mit der Aufschrift “Jägermeister”, wird es zum Schlafen anbehalten und auch am nächsten Morgen nicht wechseln. Maya studiert hier und lebt in einem Zimmer, dessen Fenster sie nie öffnet, selbst die Rollläden bleiben  unten. Eine nackte Glühbirne scheint auf jede Menge Rosa: vom Mülleimer über die Plüschhandschellen über dem Bett bis zum Parfüm schmerzt alles in meinen Augen. Auf ihren Fuß ließ Maya an Thailand das Wort “Passion” tätowieren. Dabei wirkt sie so leidenschaftlich wie ein alter Hund in der Mittagssonne. “Wenn die Sirenen heulen, drehe ich mich auf die andere Seite und schlafe weiter. Wie groß ist schon die Chance, dass eine Rakete ausgerechnet das Haus hier trifft?”, sagt sie und gähnt. “Aber es gibt schon Leute, die nach einem Alarm ein paar Nächte nicht schlafen können, trotz Tabletten.”

Vielleicht geht es ja Alina so, meiner nächsten Gastgeberin. Am Morgen schultere ich meinen Rucksack und laufe zu ihrem Haus. Dabei komme ich an zahlreichen Bunkern vorbei, die überall herumstehen. Ich zähle dreizehn auf einem knappen Kilometer. Alinas Eltern flohen aus der zusammenbrechenden Sowjetunion nach Israel. Es gefällt ihnen nicht, dass ihre Tochter in Sderot studiert, aber ihre Fächer – Fotografie und Design – gibt es nur hier. Auch sie zuckt mit den Schultern, als ich sie nach den Raketen frage. “Man gewöhnt sich dran”, sagt sie.
Alina teilt sich eine Wohnung mit zwei Komilitonen, denen geht es nicht anders. “Dass die Palästinenser uns hassen, ist doch völlig klar. So wie wir sie behandeln…”, sagt Ray. “Es ist auch klar, dass sie uns angreifen. Das ist auch völig okay, wenn es gegen militärische Ziele geht. Aber einen Schulbus in die Luft zu jagen wie neulich, das geht gar nicht. Das sind Kinder verdammt nochmal.”
Ray war zur Zeit der zweiten Intifada im Westjordanland stationiert. Er hält es für richtig, dass Israel noch immer dort ist, auch wenn nicht immer alles so läuft wie es soll. “Es gibt ein paar richtige Arschlöcher in der Armee. Aber was erwartest du? Das sind 18-Jährige, die auf einmal eine Waffe bekommen und Macht haben. Natürlich geht da manches schief”, sagt er. Trotzdem hält er die israelische Armee für die humanste der Welt. Trotzdem tat auch er während seiner Dienstzeit “alles Mögliche”. Was das denn gewesen sei, frage ich ihn. Naja, er habe ein paar Mal zugeschlagen oder einen Mann vier Stunden lang gefesselt im Checkpoint sitzen lassen. Manche Soldaten seien nett zu den Palästinensern. Wie sein Kamerad, der einen Mann zu nahe an sich ran ließ und erstochen wurde. “Das erlebt man einmal mit, danach schießt du, bevor dir einer auf die Pelle rücken will.”

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45 Sekunden

Ich bin erst seit ein paar Minuten in Noas Wohnung in Be’er Sheva, da erklärt sie mir, was im Ernstfall zu tun ist. “Wenn die Sirenen heulen, dann haben wir etwa 45 Sekunden bis die Rakete hier ist. Das reicht nicht, um zum Bunker zu laufen. Wir müssen deshalb so schnell wie möglich ins Bad. Das ist der sicherste Raum im Haus”, sagt sie.

Be’er Sheva liegt in Reichweite der Raketen, die im Gazastreifen abgefeuert werden. Jedes Mal wenn die Sirenen heulen, bricht Panik in der Stadt aus, die Menschen rennen zum nächsten Bunker oder irgendwo anders hin, wo sie sich Sicherheit versprechen. Manche wollen einfach nur nach Hause. Zum Glück gehen die Raketen ungezielt in der Stadt nieder, Todesopfer gibt es deshalb wenig. “Zum Glück können die Terroristen nicht genau zielen. Wenn sie das könnten, dann würden sie sicher das Krankenhaus beschießen”, sagt Noa.

Trotz der ständigen Bedrohung haben sich die Professoren an der Ben-Gurion-Universität in der Stadt ihre geistige Unabhängigkeit bewahrt. Sie wagten vor einiger Zeit, die israelische Regierung wegen ihres Verhaltens den Palästinensern gegenüber als “terroristisch” zu bezeichnen.

Noa kommt aus der Gegend von Haifa und wuchs dort ganz selbstverständlich mit Anschlägen auf, da die Grenze dort früher leicht zu überqueren war. Wie viele ist sie der Meinung, dass die Palästinenser dazu erzogen werden, Juden zu hassen. Sie wünscht sich natürlich Frieden und glaubt, dass die Palästinenser einen eigenen Staat brauchen. Dass das den Konflikt löst, glaubt sie allerdings nicht, da ist sie genauso ratlos wie alle anderen.

Ich beginne langsam zu verstehen, warum die Armee und das Bedürfnis nach Sicherheit so eine große Rolle spielen. Was muss es mit einem Kind machen, wenn es aufwächst wie Noa? Oder ihr Bruder, von dem sie folgende Geschichte erzählt: “Direkt nach einem Anschlag, bevor die Kamerateams der Fernsehsender vor Ort sind, blenden sie im Fernseher eine Karte von Israel ein, auf der der Ort des Anschlags zu sehen ist. Mein Bruder war noch ganz klein und verstand das alles nicht. Aber immer wenn er im Fernsehen eine Karte gesehen hat, wusste er, dass etwas Schlimmes passiert ist. Und zu der Zeit als er klein war, gab es dauernd Attentate.” Was macht das mit einem Kind?

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Arthur fängt einen Leoparden

Die Nacht ist hereingebrochen und Arthur hat die Fenster geschlossen gegen den kühlen Wind, der aus der Wüste in das Dorf bläst. Wir sitzen am Wohnzimmertisch, es brennt nur eine Lampe über uns, der Rest des Raumes verschwimmt in Dunkelheit. Mit beiden Händen hält Arthur eine Teetasse. Seine Unterarme liegen auf dem Holz. Er hat die Muskeln eines Mannes, der die meiste Zeit in der Natur unterwegs ist, unter seinen Fingernägeln sitzt der Schmutz der Arbeit.

Er beginnt zu erzählen. “In schlechten Jahren, wenn es wenig geregnet hat, kommen die Leoparden manchmal in die Dörfer. Dort jagen sie kleine Tiere, meist Katzen, manchmal Hunde. Meist bleiben sie nicht lange, ziehen von selber weiter oder die Bewohner vertreiben sie. Aber dieser eine, der kam vierzig Nächte lang wieder und wieder nach Sede Boker. Wir haben die Kinder nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr rausgelassen und jeden Abend Fenster und Türen verschlossen. Aber an diesem Tag war ich abends sehr müde. In der Nacht zuvor hatten wir im Nationalpark einen Wanderer gesucht, der verloren gegangen war. Er war zum Kacken hinter einen Felsen verschwunden und niemand in der Gruppe hatte darauf geachtet, dass er zurück kommt. So waren sie ohne ihn weiter gewandert. Am Tag hatte ich mit meinem Pferd einen Ausdauerritt unternommen, neunzig Kilometer durch die Wüste. Als ich dann zuhause war, schlief ich fast am Küchentisch ein, und als ich ins Bett ging, übersah ich die Türe zur Terrasse.

Gegen zwei Uhr morgens begann unser Hund wie blöd zu bellen, und ich wachte auf. Am Fuße unseres Bettes stand ein grauer Schatten. Der Leopard hatte unsere Katze gefangen und wollte gerade mit ihr das Zimmer verlassen. Ich habe in dem Moment überhaupt nicht nachgedacht, was ich da mache, und bin auf den Leopard gesprungen. Es war ein Männchen und die können bis zu sechzig Kilo schwer werden. Das Tier war so überrascht, dass es die Katze losließ und überhaupt nicht auf die Idee kam, sich zu wehren. Es stand völlig unter Schock. Ich packte sein Nackenfell so fest ich konnte und drückte mit meinen Beinen seine Hinterbeine auf den Boden, die sind am kräftigsten. Sofort waren meine Frau und meine Kinder wach. Ich rief meiner Frau zu, sie solle Jossi anrufen, das ist ein Kollege von der Parkbehörde, der hatte schon nächtelang versucht, den Leoparden zu erwischen. Aber Anat war so nervös, dass sie erst das Telefon nicht fand. Und allmählich überwand das Tier seinen Schock und begann, sich zu bewegen. Ich sah, wie es langsam die Krallen ausfuhr, zwei Zentimeter lang und sehr schmutzig. Damit hätte er mich übel verletzen können. Aber ich wusste, wenn ich jetzt loslasse, dann habe ich ein Problem. Also rangen wir auf dem Schlafzimmerfußboden miteinander. Ich redete dabei ruhig auf ihn ein, ganz automatisch sprach ich holländisch – in solchen Situationen fällt man wohl in seine Muttersprache. Komischerweise hatte ich überhaupt keine Angst und das hat der Leopard wohl gespürt, denn langsam wurde er ruhig. Die Krallen verschwanden und seine angstgeweiteten Augen wurden wieder kleiner. Dann kamen endlich die Kollegen von der Parkbehörde. Sie waren so aufgeregt, dass sie zwar ihre Frauen dabei hatten, aber kein Netz, keine Stöcke, kein Betäubungsmittel. Sie stürmten zu fünft ins Schlafzimmer und fast wäre mir der Leopard entwischt, denn er erschrak noch einmal fürchterlich. Bald schien er zu verstehen, dass auch diese Menschen ihm nichts böses wollten. Wir hielten ihm eine Wolldecke hin und in die verbiss er sich, so dass wir ihn einwickeln konnten. Vor dem Haus stand eine große, leere Mülltonne, in die steckten wir ihn und brachten ihn zur Tierstation. Dort untersuchten sie ihn und fanden heraus, dass er an Muskelschwäche litt. Wahrscheinlich kam er deshalb ins Dorf, weil die Tiere in der Wüste zu stark und zu schnell für ihn waren und er sie nicht jagen konnte. Sie päppelten ihn so gut es ging auf und ließen ihn dann wieder frei. Wahrscheinlich lebt er heute nicht mehr. Ich habe seit damals keinen Leoparden mehr hier in der Gegend gesehen, wir Menschen haben sie alle vertrieben.”

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Sima räumt auf

Ein schwarzer, staubbedeckter Hund schießt auf mich zu und leckt mit Hingabe meine Hand. Im Türrahmen steht Walid, lächelt und sagt “Willkommen”. Ich trete ein in das kleine Haus in Sede Boker und stehe im Chaos. Kinderspielzeug liegt auf Tisch und Boden, auf den fleckigen Sofas stapeln sich Zeitungen und Bücher, die Wände sind mit Filzstiften vollgekritzelt, in der Küche türmt sich schmutziges Geschirr in der Spüle und auf der Arbeitsfläche.

Drei Kinder toben hinter einer Katze her, der Hund legt sich auf eines der Sofas neben eine Gitarre mit zwei gerissenen Saiten. Merav, Walids Frau, fängt ihren jüngsten Sohn ein und heißt mich ebenfalls willkommen. “Ich bringe rasch die Kinder ins Bett. Wir waren heute mit ihnen in der Wüste wandern, sie müssen jetzt schlafen”, sagt sie. Walid kocht Tee, findet eine saubere Tasse und räumt auf dem Wohnzimmertisch eine Stelle für sie frei. Vor acht Jahren kam er mit seiner Frau in dieses Wüstendorf mit 5.000 Einwohnern. Eigentlich wollte er hier an der Zweigstelle der Ben-Gurion-Universität nur seinen Master machen und dann zurück in die Stadt, eine gute Arbeit finden. Aber die beiden verliebten sich in die Wüste, blieben und arbeiten für NGOs. Viel verdienen sie nicht, aber es reicht.

Die Kinder schlafen und auch Walid geht ins Bett. Um halb fünf klingelt morgen sein Wecker. Merav schlurft in die Küche, räumt einen Platz auf der Arbeitsfläche frei, fischt ein Messer aus dem Berg schmutzigen Geschirrs und schneidet Gurken und Karotten für einen Salat. “ich liebe dieses Dorf”, sagt sie. “Ich kann meine Kinder draußen spielen lassen und mir sicher sein, dass ihnen nichts passiert. Walid und ich streiten uns deswegen immer wieder. Er sagt, dass sie hier nicht das wahre Leben kennen lernen und wie in Watte aufwachsen. Aber ich will genau das für sie. Das wahre Leben kommt noch früh genug.”

Als ich am nächsten Morgen aufstehe, rammt mir auf dem Weg ins Bad der staubbedeckte Hund zur Begrüßung seine Schnauze in den Schritt. Heute ist Sima zu Besuch, Walids Mutter. Sie kommt einmal in der Woche, um das Haus aufzuräumen und für die Familie zu kochen. “ich mach’ uns erstmal einen Kaffee und dann rauchen wir eine Zigarette zusammen”, sagt sie. Sima war 35 Jahre lang mit einem Mann aus Karlsruhe verheiratet und freut sich, dass sie sich mal wieder auf deutsch unterhalten kann. “Vor drei Jahren habe ich mich scheiden lassen und frage mich seitdem, wieso ich damit so lange gewartet habe”, sagt sie und lacht, dass die goldenen Ketten um ihren Hals wackeln. Dann verbietet sie mir zu meinem nächsten Gastgeber zu ziehen, bevor ich mit ihr und den Kindern zu Mittag gegessen habe.
Ich lasse sie alleine mit dem Chaos und wandere ein wenig durch die Wüste.

Als ich zurück komme, sind Unordnung und Schmutz verschwunden, das Loch in meinem T-Shirt gestopft, die Kinder von der Schule zurück und aus der Küche ziehen Essensdüfte. Sima öffnet mit rot lackierten Fingernägeln eine Dose Bier und reicht sie mir. Für sich und Liad, mit zehn Jahren der älteste Sohn, stellt sie Gläser mit Alster auf den Tisch. “Die Fahrt hierher dauert zwei Stunden, und als ich noch nicht in Rente war, bin ich immer abends wieder zurück gefahren”, erzählt sie während des Essens. “Aber sauber machen und mein Sohn, das geht einfach nicht zusammen. Walid kann nichts wegwerfen, er hebt sogar noch die Kleider aus seiner Schulzeit auf.”

Nach dem Essen packe ich meine Sachen und mache mich auf den Weg zu meinem nächsten Gastgeber, der ein paar Straßen weiter wohnt: Arthur, der Ranger, der vor ein paar Jahren mit bloßen Händen einen Leoparden bezwang.

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