von couch zu couch

Einmal durch Israel und das Westjordanland. Ohne festen Plan. Ohne Hotels. Aber mit Laptop und Smartphone. Denn damit finde ich meine Gastgeber. Unter www.couchsurfing.org. Hier könnt Ihr meiner Reise folgen. Oder Ihr kauft das Buch, das möglichst bald erscheinen soll.

Sima räumt auf

Ein schwarzer, staubbedeckter Hund schießt auf mich zu und leckt mit Hingabe meine Hand. Im Türrahmen steht Walid, lächelt und sagt “Willkommen”. Ich trete ein in das kleine Haus in Sede Boker und stehe im Chaos. Kinderspielzeug liegt auf Tisch und Boden, auf den fleckigen Sofas stapeln sich Zeitungen und Bücher, die Wände sind mit Filzstiften vollgekritzelt, in der Küche türmt sich schmutziges Geschirr in der Spüle und auf der Arbeitsfläche.

Drei Kinder toben hinter einer Katze her, der Hund legt sich auf eines der Sofas neben eine Gitarre mit zwei gerissenen Saiten. Merav, Walids Frau, fängt ihren jüngsten Sohn ein und heißt mich ebenfalls willkommen. “Ich bringe rasch die Kinder ins Bett. Wir waren heute mit ihnen in der Wüste wandern, sie müssen jetzt schlafen”, sagt sie. Walid kocht Tee, findet eine saubere Tasse und räumt auf dem Wohnzimmertisch eine Stelle für sie frei. Vor acht Jahren kam er mit seiner Frau in dieses Wüstendorf mit 5.000 Einwohnern. Eigentlich wollte er hier an der Zweigstelle der Ben-Gurion-Universität nur seinen Master machen und dann zurück in die Stadt, eine gute Arbeit finden. Aber die beiden verliebten sich in die Wüste, blieben und arbeiten für NGOs. Viel verdienen sie nicht, aber es reicht.

Die Kinder schlafen und auch Walid geht ins Bett. Um halb fünf klingelt morgen sein Wecker. Merav schlurft in die Küche, räumt einen Platz auf der Arbeitsfläche frei, fischt ein Messer aus dem Berg schmutzigen Geschirrs und schneidet Gurken und Karotten für einen Salat. “ich liebe dieses Dorf”, sagt sie. “Ich kann meine Kinder draußen spielen lassen und mir sicher sein, dass ihnen nichts passiert. Walid und ich streiten uns deswegen immer wieder. Er sagt, dass sie hier nicht das wahre Leben kennen lernen und wie in Watte aufwachsen. Aber ich will genau das für sie. Das wahre Leben kommt noch früh genug.”

Als ich am nächsten Morgen aufstehe, rammt mir auf dem Weg ins Bad der staubbedeckte Hund zur Begrüßung seine Schnauze in den Schritt. Heute ist Sima zu Besuch, Walids Mutter. Sie kommt einmal in der Woche, um das Haus aufzuräumen und für die Familie zu kochen. “ich mach’ uns erstmal einen Kaffee und dann rauchen wir eine Zigarette zusammen”, sagt sie. Sima war 35 Jahre lang mit einem Mann aus Karlsruhe verheiratet und freut sich, dass sie sich mal wieder auf deutsch unterhalten kann. “Vor drei Jahren habe ich mich scheiden lassen und frage mich seitdem, wieso ich damit so lange gewartet habe”, sagt sie und lacht, dass die goldenen Ketten um ihren Hals wackeln. Dann verbietet sie mir zu meinem nächsten Gastgeber zu ziehen, bevor ich mit ihr und den Kindern zu Mittag gegessen habe.
Ich lasse sie alleine mit dem Chaos und wandere ein wenig durch die Wüste.

Als ich zurück komme, sind Unordnung und Schmutz verschwunden, das Loch in meinem T-Shirt gestopft, die Kinder von der Schule zurück und aus der Küche ziehen Essensdüfte. Sima öffnet mit rot lackierten Fingernägeln eine Dose Bier und reicht sie mir. Für sich und Liad, mit zehn Jahren der älteste Sohn, stellt sie Gläser mit Alster auf den Tisch. “Die Fahrt hierher dauert zwei Stunden, und als ich noch nicht in Rente war, bin ich immer abends wieder zurück gefahren”, erzählt sie während des Essens. “Aber sauber machen und mein Sohn, das geht einfach nicht zusammen. Walid kann nichts wegwerfen, er hebt sogar noch die Kleider aus seiner Schulzeit auf.”

Nach dem Essen packe ich meine Sachen und mache mich auf den Weg zu meinem nächsten Gastgeber, der ein paar Straßen weiter wohnt: Arthur, der Ranger, der vor ein paar Jahren mit bloßen Händen einen Leoparden bezwang.

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