von couch zu couch

Einmal durch Israel und das Westjordanland. Ohne festen Plan. Ohne Hotels. Aber mit Laptop und Smartphone. Denn damit finde ich meine Gastgeber. Unter www.couchsurfing.org. Hier könnt Ihr meiner Reise folgen. Oder Ihr kauft das Buch, das möglichst bald erscheinen soll.

Stadt der Bunker

Was ich hier will, haben mich unterwegs alle gefragt. “Sderot? Da gibt’s doch nichts zu sehen!” Nun bin ich hier und muss dem zustimmen. Ein Einkaufszentrum, zwei passable Cafés zwischen grauen Wohnklötzen. Die Stadt schafft es trotzdem dauernd in die Nachrichten, immer wieder schlagen dort Raketen aus dem Gazastreifen ein. Ich wollte wissen, wie es sich lebt mit dieser ständigen Bedrohung.

Nicht besonders, versichert mir Maya, meine erste Gastgeberin. Sie begrüßt mich in einem T-Shirt mit der Aufschrift “Jägermeister”, wird es zum Schlafen anbehalten und auch am nächsten Morgen nicht wechseln. Maya studiert hier und lebt in einem Zimmer, dessen Fenster sie nie öffnet, selbst die Rollläden bleiben  unten. Eine nackte Glühbirne scheint auf jede Menge Rosa: vom Mülleimer über die Plüschhandschellen über dem Bett bis zum Parfüm schmerzt alles in meinen Augen. Auf ihren Fuß ließ Maya an Thailand das Wort “Passion” tätowieren. Dabei wirkt sie so leidenschaftlich wie ein alter Hund in der Mittagssonne. “Wenn die Sirenen heulen, drehe ich mich auf die andere Seite und schlafe weiter. Wie groß ist schon die Chance, dass eine Rakete ausgerechnet das Haus hier trifft?”, sagt sie und gähnt. “Aber es gibt schon Leute, die nach einem Alarm ein paar Nächte nicht schlafen können, trotz Tabletten.”

Vielleicht geht es ja Alina so, meiner nächsten Gastgeberin. Am Morgen schultere ich meinen Rucksack und laufe zu ihrem Haus. Dabei komme ich an zahlreichen Bunkern vorbei, die überall herumstehen. Ich zähle dreizehn auf einem knappen Kilometer. Alinas Eltern flohen aus der zusammenbrechenden Sowjetunion nach Israel. Es gefällt ihnen nicht, dass ihre Tochter in Sderot studiert, aber ihre Fächer – Fotografie und Design – gibt es nur hier. Auch sie zuckt mit den Schultern, als ich sie nach den Raketen frage. “Man gewöhnt sich dran”, sagt sie.
Alina teilt sich eine Wohnung mit zwei Komilitonen, denen geht es nicht anders. “Dass die Palästinenser uns hassen, ist doch völlig klar. So wie wir sie behandeln…”, sagt Ray. “Es ist auch klar, dass sie uns angreifen. Das ist auch völig okay, wenn es gegen militärische Ziele geht. Aber einen Schulbus in die Luft zu jagen wie neulich, das geht gar nicht. Das sind Kinder verdammt nochmal.”
Ray war zur Zeit der zweiten Intifada im Westjordanland stationiert. Er hält es für richtig, dass Israel noch immer dort ist, auch wenn nicht immer alles so läuft wie es soll. “Es gibt ein paar richtige Arschlöcher in der Armee. Aber was erwartest du? Das sind 18-Jährige, die auf einmal eine Waffe bekommen und Macht haben. Natürlich geht da manches schief”, sagt er. Trotzdem hält er die israelische Armee für die humanste der Welt. Trotzdem tat auch er während seiner Dienstzeit “alles Mögliche”. Was das denn gewesen sei, frage ich ihn. Naja, er habe ein paar Mal zugeschlagen oder einen Mann vier Stunden lang gefesselt im Checkpoint sitzen lassen. Manche Soldaten seien nett zu den Palästinensern. Wie sein Kamerad, der einen Mann zu nahe an sich ran ließ und erstochen wurde. “Das erlebt man einmal mit, danach schießt du, bevor dir einer auf die Pelle rücken will.”

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Posted in Allgemein | 1 Comment

One Response to Stadt der Bunker

  1. Marlon says:

    Das ist mal ein guter Artikel, vielen Dank. Muss man sich nochmal in Ruhe durchlesen. Generell finde ich die Seite gut zu lesen und leicht zu verstehen.

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