von couch zu couch

Einmal durch Israel und das Westjordanland. Ohne festen Plan. Ohne Hotels. Aber mit Laptop und Smartphone. Denn damit finde ich meine Gastgeber. Unter www.couchsurfing.org. Hier könnt Ihr meiner Reise folgen. Oder Ihr kauft das Buch, das möglichst bald erscheinen soll.

Youssef. Beruf: Lehrer und Taxifahrer

Zwei Nächte verbringe ich in Hebron bei Familie Saber. Sie wohnt in der Altstadt direkt neben jüdischen Siedlern. An dem Morgen, an dem ich nach Bethlehem fahren will,  wecken mich Steine, die gegen die Eisenplatten vor meinem Fenster krachen. Laila Saber zuckt mit den Schultern. “Das ist normal”, sagt sie und lacht. Ihr Mann Abed kündigt an, dass wir in einer Stunde nach Bethlehem aufbrechen. Der Vater seiner Frau wohne dort.
Aber wir sitzen erstmal vor seinem Laden. Es kommt eine Touristengruppe. Und noch eine. Aber verkauft blitzschnell ein paar Sachen, klopft sich zufrieden grinsend auf den dicken Bauch. Dann sitzen wir wieder. Ich sage, erinnere ihn daran, dass die Stunde schon längst um ist. Abed verspricht mir eine tolle Führung durch die Stadt. Mein Einwand, dass ich bereits mit einem Mann aus Bethlehem von Couchsurfing verabredet bin, lässt er nicht gelten. “Der wird dir viel Geld für eine Führung abnehmen. Du rufst ihn einfach nach meiner Führung an und dann ist die Sache erledigt”, sagt er und lacht hoch wie in Kind. Ich argumentiere, rede, aber gegen Abed ist nicht anzukommen und ich füge mich in mein Schicksal.
Dann kommen drei junge Männer aus Dänemark, Abed lädt sie zum Tee ein und überzeugt sie, mit ihm eine Führung durch die Siedlung zu machen. “Eine halbe Stunde, dann bin ich wieder da und wir fahren”, verspricht er mir. Ich warte. Schaue dem Uhrzeiger beim Wandern zu. Nach eineinhalb Stunden kommt Abed zurück und wir brechen endlich auf, inzwischen ist es nach zwei Uhr. Seine alte Tante kommt mit und wir schieben uns in entschlossenem Schneckentempo den Bussen entgegen. Nach zweihundert Metern fällt Abed ein, dass er seinen Ausweis zuhause vergessen hat und dreht um. Ich solle mit Frau, Kind und Tante schon mal vor gehen. Der Bus ist, eng, dreckig und ohne Klimaanlage – aber er hat einen Fernseher, auf dem ohrenbetäubend ein Film läuft. Der ganze Bus wartet auf Abed. Nach einer Viertelstunde lädt Laila den Kinderwagen wieder aus und nach einer weiteren Viertelstunde fährt der Bus los, mit mir die alte Tante.
Jetzt freue ich mich auf Bethlehem. Darauf, mich einfach durch die Stadt treiben zu lassen – und später vielleicht den anderen Couchsurfer anzurufen. Vielleicht aber auch nicht. Nach einer Stunde erreichen wir Bethlehem, die alte Tante und ich verlassen den Bus.
Ich schultere gerade meinen staubbedeckten Rucksack, da höre ich “Hallo mein Freund!”, drehe mich um und blicke in Abeds grinsendes Gesicht. “Ich bin schon seit zehn Minuten da, wir haben extra ein Taxi genommen”, sagt er freudestrahlend. Dann ruft er über die Straße einem Freund zu, der Taxifahrer ist und der wird die Rettung meines Tages.
Sofort geht es durch die Stadt, im Eiltempo von Kirche zu Kirche. Abed verkündet gerne vollmundig, dass er Touristenführer sei für Hebron, Bethlehem, Syrien und Jordanien. Aber es ist Youssef der Taxifahrer, der sich hier auskennt. Er fährt mich zu den berühmten Banksybildern, zu Orten, an denen ich einen guten Blick auf die größte Siedlung bei Bethlehem habe und zu der Kirche, an denen der Engel herabkam. Schweißbedeckt und stöhnend walzt Abed neben mir durch die Hitze. “Ich bin zum ersten Mal hier”, gibt er zu. Dementsprechend wenig hat er zu sagen. Er muss bald weiter nach Nablus, warum auch immer, deshalb steigen wir schnell wieder ins Taxi und fahren durch die engen Gassen der Altstadt zur Milchgrotte. Auch hier hat er nichts zu sagen, deutet nur immer wieder auf Dinge, die seiner Meinung nach fotografierenswert sind.
Nach zehn Minuten sind wir wieder draußen und fahren zur Geburtskirche. Vor dem Eingang verabschiedet er sich überschwänglich und walzt von dannen. Ich spare mir diesen Touristenbienenstock und frage stattdessen Youssef, was er mir noch zeigen kann. Er schlägt die Mauer vor und bald stehe ich vor diesem Betonkoloss, der sich mitten durch die Stadt zieht, drohend, hässlich und bunt bemalt, oft mit Hinweisen für Restaurants oder Läden. Wir fahren zu der Stelle, an der der Papst bei seinem Besuch in Bethlehem vor einigen Jahren betete. Halb hinter Schutt und Müll ist immer noch der Schriftzug zu erkennen, den palästinensische Polizisten damals hier hin sprühten: Pope you are welcome in Palestine. Fast rührt mich das zu Tränen. Ich fotografiere alles, nutze die Kamera, um die Monströsität und den Schrecken dieses Betonwalls nicht zu nahe an mich heranzulassen.
Youssef fragt mich, ob ich hungrig sei und wir fahren in das kleine Restaurant seines Cousins. Ich lade ihn zum Essen ein und er erzählt. “Eigentlich bin ich Lehrer. Aber ich verdiene nur 2.600 Schekel (etwas mehr als 500 Euro) im Monat, das reicht nicht, obowhl meine Frau auch arbeitet. Also bin ich vormittags Lehrer und nachmittags fahre ich Taxi. Ich habe sieben Söhne und drei studieren, das geht ganz schön ins Geld”, sagt er.
Als wir uns verabschieden lädt er mich für den folgenden Abend zum Essen ein.
Punkt siebenholt er mich mit seinem Taxi ab und wir fahren durch die Abendsonne in sein Dorf. Solange seine Frau noch mit Kochen beschäftigt ist, steigen wir auf einen Hügel in der Nähe, auf dem eine alte römische Festung steht. Die Luft ist klar und der Blick atemberaubend. In rund 40 Kilometern Entfernung sehen wir das Tote Meer, am anderen Ufer liegt Jordanien. Drei israelische Siedlungen und ein Kibbuz sind von hier zu sehen. “In dem dort unten lebt Liebermann, der israelische Außenminister”, sagt Youssef mit kühler Stimme. Auch hier auf dem Berg knattert eine israelische Flagge im Wind.
In Youssefs Wohnzimmer vertilgen wir zu zweit einen großen Berg Maklube, safrangelber Reis mit Hühnchen und Blumenkohl. Seine Frau bekomme ich nicht zu sehen, nur die Söhne schauen ab und an ins Wohnzimmer. Youssef achtet genau darauf, dass die Tür zum Flur immer geschlossen ist. Nach dem Essen steigen wir durch den unausgebauten ersten und zweiten Stock zur Dachterrasse empor. “Ich würde das ja gerne machen lassen, aber es ist zu teuer”, sagt er. Wenn die Söhne heiraten, sollen sie hier mal mit ihren Familien wohnen, auf dem Grundstück ist auch noch genug Platz für ein zweites Haus.

Wir sitzen in der lauen Abendluft und teilen uns eine Wasserpfeife. Auf den Straßen des Dorfes sind keine Frauen mehr zu sehen.
Ich frage Yousseef, wie man seiner Meinung nach den Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern lösen könnte. “Meiner Meinung nach gibt es nur eine einzige Lösung: Ein Staat. ein Staat für Muslime, Juden und Christen. Wir sollten ihn dann das Heilige Land nennen, denn es ist allen Religionen heilig. Aber Israel will das nicht. Sie haben das Gefühl, uns rein gar nichts geben zu müssen und das ist das Problem.”

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Posted in Allgemein | 2 Comments

2 Responses to Youssef. Beruf: Lehrer und Taxifahrer

  1. Kilian says:

    Der like Button wuerde sich gut im Blog machen, oder ist er mir entgangen?

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